Neue Studie: Marc Donath vom KSB fordert Umdenken beim Typ-2-Diabetes
Bis heute gilt Typ-2-Diabetes vor allem als Folge einer Insulinresistenz und einer unzureichenden Insulinproduktion. Entsprechend zielen die meisten Therapien darauf ab, den Blutzucker zu senken oder die Insulinwirkung zu verbessern. Die von Forschenden aus Europa, Nordamerika und Asien erarbeitete Publikation schlägt nun einen Perspektivenwechsel vor. Dies schreibt das Kantonsspital Baden (KSB) in einer Mitteilung.
Worum geht es? Mehrere frühe Merkmale des mit Übergewicht assoziierten Typ2-Diabetes – darunter die Insulinresistenz, eine leicht erhöhte Blutzuckerkonzentration, eine verminderte Insulinsekretion oder auch die Ausscheidung von Zucker über den Urin – könnten nicht primär Ausdruck einer Erkrankung sein. Vielmehr könnten sie laut Mitteilung Schutzmechanismen darstellen, mit denen sich der Körper gegen einen chronischen Nährstoffüberschuss zu wehren versucht.

«Wir sollten Typ-2-Diabetes nicht ausschliesslich als Störung der Blutzuckerregulation betrachten, sondern als Reaktion des Körpers auf eine lang anhaltende Überlastung mit Nährstoffen», wird Prof. Dr. med. Marc Donath, Stv. Leiter der Clinical Trial Unit am KSB, zitiert. «Entscheidend ist deshalb nicht nur, wie stark ein Medikament den Blutzucker senkt, sondern auch, ob es die Stoffwechselbelastung der Organe reduziert. Dieses Verständnis könnte die Entwicklung zukünftiger Therapien nachhaltig prägen.»
Warum nicht jede Blutzuckersenkung gleich wirksam ist
Die neue Sichtweise stützt sich laut Mitteilung auf die Auswertung zahlreicher grosser klinischer Studien. Deren Ergebnisse zeigen, dass verschiedene Diabetesmedikamente trotz vergleichbarer Blutzuckersenkung sehr unterschiedliche Auswirkungen auf Herz, Nieren, Leber und Körpergewicht haben können. Während neuere Medikamentenklassen wie GLP-1-Rezeptoragonisten oder SGLT2-Hemmer die natürlichen Schutzmechanismen des Körpers offenbar unterstützen, könnten ältere Therapien in bestimmten Situationen zwar den Blutzucker wirksam senken, gleichzeitig aber den metabolischen Stress in einzelnen Organen erhöhen.
Die Forschenden schlagen deshalb vor, Diabetesbehandlungen künftig nicht allein anhand der Blutzuckerwerte zu beurteilen. Entscheidend sei vielmehr, ob eine Therapie die Nährstoffüberlastung von Organen und Geweben vermindere und damit langfristig Folgeerkrankungen verhindere.
Bedeutung für Forschung und Patientenversorgung
Das neue Krankheitsmodell könnte die Entwicklung zukünftiger Diabetesmedikamente ebenso beeinflussen wie die klinische Behandlung von Patientinnen und Patienten. Gleichzeitig liefert es eine wissenschaftliche Erklärung dafür, weshalb neuere Medikamente neben der Blutzuckersenkung auch nachgewiesene Vorteile für Herz, Nieren und Leber bieten und das Sterberisiko senken können. Mit der Publikation unterstreicht das Kantonsspital Baden laut Mitteilung seine Rolle als international vernetzter Forschungsstandort. Die Clinical Trial Unit unter der Leitung von Prof. Marc Donath und Prof. Jonas Rutishauser engagiert sich seit Jahren in der translationalen Stoffwechselforschung und bringt wissenschaftliche Erkenntnisse gezielt in die klinische Versorgung ein.