Rat entscheidet über Motion für Medikamentenverkauf für Hausärzte - und lehnt deutlich ab

Rat entscheidet über Motion für Medikamentenverkauf für Hausärzte - und lehnt deutlich ab
Motionssprecher Hans-Peter Budmiger. Foto: Michael Küng

In einer Motion verlangen Hans-Peter Budmiger, GLP, Muri (Sprecher), Dr. Severin Lüscher, Grüne, Schöftland, Dr. Thomas Ernst, FDP, Magden, Dr. Lucia Engeli, SP, Unterentfelden, Martin Bossert, EDU, Rothrist, Stefan Giezendanner, SVP, Baden, Franziska Stenico-Goldschmid, Mitte, Beinwil (Freiamt), die Zulassung der Selbstdispensation in der Grundversorgung zur Sicherung der ärztlichen Versorgung. Gemeint ist damit, dass im Aargau auch Hausärzte (nicht nur Apotheken) Medikamente verkaufen dürfen sollen.

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Morgen Dienstag geht es im Grossen Rat um einige sehr gewichtige Themen: etwa um den Rettungsschirm für systemrelevante Spitäler, um die Frage wer künftig die rasch steigenden Kosten für die Pflegeversorgung bezahlt, ob eine Impfpflicht im Aargau verboten werden soll, um die Frage wie Gemeinden entlastet werden sollen wenn für

Es sei bisher nichts mit den in Aussicht gestellten Verbesserungen für Hausärzte, sagt jetzt Motionssprecher Hans-Peter Budmiger (GLP). Er habe höchste Wertschätzung für die Apotheken, Sie werden ein wichtiger Teil in der Gesundheitsversorgung bleiben, ist er überzeugt. Die Warnung vor einem Apothekensterben sei ein Schreckensbild, das ihn wenig überzeuge, so Budmiger. Ihn ärgert augenscheinlich das enorme Lobbying beider Seiten im Vorfeld der Debatte. Er bittet um Zustimmung zur Motion.

Mitte-Fraktion gespalten, lehnt Vorstoss aber mehrheitlich ab

Namens der Mitte sagt jetzt Alfons Paul Kaufmann, die Fraktion sei unterschiedlicher Meinung. Denn auf beiden Seiten gebe es Argumente für und gegen die Motion. Er listet die Vorteile der Apotheken auf, etwa ihre langen Öffnungszeiten und dass einige gar am Sonntag geöffnet sind. Einige glaubten nicht, dass man mit der Selbstdispensation dem Hausärztemangel entgegenwirken könne. Die Fraktion lehne den Vorstoss mehrheitlich ab.

Grüne unterstützen den Vorstoss grossmehrheitlich

Magi Keller spricht für die Grünen. Sie unterstützen den Vorstoss grossmehrheitlich. Aus Patientensicht mache die Selbstdispensation Sinn. Beispiel: Mutter oder Vater mit fiebrigem Kind muss im Aargau nach dem Arzt noch in die Apotheke, "wo dann die Viren weiterverteilt werden". Oder jemand mit Rollator müsse auch noch zur Apotheke.

EVP lehnt den Vorstoss mehrheitlich ab

Theres Dietiker sagt namens der EVP, sie glaubten an Wunder, aber nicht an dasjenige der wundersamen Vermehrung der Hausärzte durch Selbstdispensation. Natürlich sei der Hausärztemangel ein grosses Landproblem. Ärzte diagnostizieren und verschreiben Medikamente, die Apotheken geben sie ab und überprüfen es. Dieses System sei bewährt. Wie Hanspeter Budmiger verweist auch Dietiker auf das intensive Lobbying beider Seiten, das nerve. Selbstdispensation bringe Bequemlichkeit. Was aber, wenn man in die Ferien will, im letzten Moment feststellt, dass die Medikamentenschachtel leer und die Arztpraxis geschlossen ist, kein Rezept vorliegt?, fragt Dietiker. Dem Hausarzt brächte die Selbstdispensation einen klar Zusatzverdienst, aber auch den Aufwand für eine hauseigene Apotheke. Meist würden laut einer Studie dort aber häufig teurere Medikamente abgegeben. Die Fraktion lehnt den Vorstoss mehrheitlich ab.

FDP mehrheitlich für den Vorstoss

Stefan Huwyler sagt namens der FDP, die Befürworter wollten mit dem Vorstoss die Hausärzte stärken, und für Personen etwa mit eingeschränkter Mobilität den Komfort verbessern. Eine Mehrheit stimme damit zu. Für eine Minderheit widerspricht der Vorstoss dem Grundsatz "Wer verschreibt, verkauft nicht.", und lehnt ihn ab.

SP mehrheitlich für die Motion

Lucia Engeli sagt nun namens der SP, die Mehrheit der Fraktion wolle die Motion überweisen. Sie bringt das Beispiel eines Patienten, der staunt, dass er von der Notfallstation mit einem Rezept zur Apotheke gehen müsse. Das Fehlen der Selbstdispensation sei sehr wohl ein Argument für einen Hausarzt, um nicht in den Aargau zu kommen. Dass mit der Selbstdispensation das Apothekennetz zusammenbreche, sei nicht wahr. Man könne nebeneinander bestehen.

SVP: falscher Weg, um Ärzte zu stärken

Für die SVP spricht jetzt René Fiechter (auch er Arzt wie Lucia Engeli). Er spreche für die Mehrheit der Fraktion. Die Hausärzte gelte es zu stärken, die Motion sei aber der falsche Weg. Die Hausarztdichte werde durch die Selbstdispensation nicht erhöht, sie erhöhe aber die Kosten für die Medikamente. Es gebe zusätzliche administrative Aufwände. Die Hausapotheken der Ärzte müssten geführt und kontrolliert werden. Die Selbstdispensation schwäche jedoch das Apothekennetz. Auch er findet, der Hausarztlohn sei zu tief. Da sei aber der Bund gefordert, dies zu ändern, sagt Fiechter.

Hauslieferungen mache die Apotheke übrigens auch, gibt schliesslich Rita Brem-Ingold (Mitte) zu bedenken. Ihr Fraktionskollege Robert Weishaupt wirbt ebenfalls für die Apotheken: Ärzte diagnostizieren und verschreiben das Medikament, die Apotheke überprüft es und gibt es ab, so Weishaupt. Würden ihnen wesentliche Umsätze entzogen, gefährde man sie möglicherweise.

Er finde es eine Frechheit, so Budmiger, wenn jemand sage, Ärzte würden die teuren Medikamente verkaufen, Apotheken täten das aber nicht. Für viele ausläöndsiche Ärzte sei ein Zuzug in den Aargau kein Thema - aufgrund des Standortnachteils des Fehlens der Selbstdispensation.

Mittlerweile ist es 17 Uhr. Als letzter kann noch Gesundheitsdirektor Gallati sprechen. Er verteidigt das Nein des Regierungsrats zur Motion. Er dankt allen Apothekern/innen und Ärzten/innen. Er erinnert sich, die Debatte vor 15 Jahren sei bedeutend emotionalker gewesen. Er empfihelt ein Nein, weil das hetzige System gut etabliert sei und aufgrund des Vieraugen-Prinzips in den Apotheken.

Der Rat lehnt die Motion jetzt mit 78 : 44 Stimmen überraschend deutlich ab.

Damit ist die heutige Ratssitzung geschlossen.