Wohnungsknappheit: neun drängende Fragen zur Bezahlbarkeit des Wohnens

Wohnungsknappheit: neun drängende Fragen zur Bezahlbarkeit des Wohnens
Matthias Betsche, Präsident des vor wenigen Tagen gegründeten Vereins Casafair Aargau. Gutes und bezahlbares Wohnen soll dabei ein Schwerpunkt sein, sagt Betsche. Foto: ZVG

In einer neu im Grossen Rat eingereichten Interpellation zur Entwicklung der Wohnkosten und Bezahlbarkeit des Wohnens im Kanton Aargau stellen Vertreter aus SP, Grünen, EVP, GLP und Die Mitte drängende Frargen an die Regierung. Es sind dies Matthias Betsche, GLP, Möriken-Wildegg (Sprecher), Béa Bieber, GLP, Rheinfelden, Stefan Dietrich, SP, Bremgarten, Dr. Mirjam Kosch, Grüne, Aarau, Christian Minder, EVP, Niederlenz, Sabine Sutter-Suter, Mitte, Lenzburg.

Wohnen ist ein Grundbedürfnis und eine zentrale Voraussetzung für ein selbstbestimmtes Leben, stellen die Interpellierenden ihrem Vorstoss voran. Der Regierungsrat habe bereits in seiner Stellungnahme zum Postulat 25.133 festgehalten, dass es in den vergangenen Jahren schwieriger geworden sei, eine angemessene Wohnung zu tragbaren Bedingungen zu finden. Die aktuellen Zahlen zeigten eine anhaltende Anspannung des Aargauer Wohnungsmarkts, heisst es im Vorstoss weiter. Dabei bestünden erhebliche regionale Unterschiede. In mehreren Bezirken liegt die Leerwohnungsziffer inzwischen unter einem Prozent (vgl. Link).

Angebotsmieten stigen in einem Jahr um 5,3 Prozent

Immer weniger Wohnungen stehen leer - nur eine von 100 ist auf dem Markt
Von den insgesamt 352′556 Wohneinheiten im Kanton Aargau standen am 1. Juni 2026 3′685 Wohnungen leer. Das sind 417 Einheiten weniger als ein Jahr zuvor. Seit dem Höchststand von 8′733 leerstehenden Wohnungen im Jahr 2020 ist dies der sechste jährliche Rückgang in Folge. Dies teilt das Departement

Gleichzeitig steigen die Wohnkosten. Gemäss Aargauer Immobilienbarometer vom Mai 2026 sind die Angebotsmieten im Kanton Aargau innerhalb eines Jahres um 5,3 Prozent gestiegen, gegenüber 3,5 Prozent im schweizerischen Durchschnitt. Seit 2005 haben die Angebotsmieten im Aargau um rund 40 Prozent zugenommen. Auch die Preise für Wohneigentum sind weiter gestiegen. Dabei sagen durchschnittliche Miet- oder Immobilienpreise allein noch wenig darüber aus, wie gut sich die Bevölkerung das Wohnen tatsächlich leisten kann, heisst es weiter im Vorstoss.

Entscheidend: Verhältnis zwischen Wohnkosten und verfügbarem Einkommen

Entscheidend sei insbesondere das Verhältnis zwischen Wohnkosten und verfügbarem Einkommen. Von Interesse ist deshalb, wie sich die Wohnkostenbelastung unterschiedlicher Einkommens- und Bevölkerungsgruppen entwickelt hat und für welche Haushalte der Zugang zu angemessenem Wohnraum zunehmend schwierig wird. Zur Bezahlbarkeit des Wohnens gehört auch der Zugang zu Wohneigentum. Steigende Immobilienpreise und die Anforderungen an Eigenmittel und Tragbarkeit, heisst es weiter, "können den Erwerb von selbstgenutztem Wohneigentum insbesondere für Haushalte mit tiefen und mittleren Einkommen erschweren".

Gleichzeitig stelle sich die Frage nach der Nutzung des bereits vorhandenen Wohnraums. Der zunehmende Unterschied zwischen Bestands- und Angebotsmieten könne Wohnungswechsel finanziell unattraktiv machen und dadurch eine bedürfnisgerechtere Nutzung des Wohnraums erschweren. Dies könne beispielsweise ältere Menschen betreffen, die gerne in eine kleinere oder altersgerechtere Wohnung wechseln würden.

Bevölkerung dürfte weiter wachsen

Diese Fragen gewinnen angesichts der weiteren Entwicklung des Kantons zusätzlich an Bedeutung. Gemäss der aktuellen Bevölkerungsprojektion dürfte die Bevölkerung des Kantons Aargau im Referenzszenario bis 2055 weiter anwachsen. Gleichzeitig verändert die Alterung der Bevölkerung die Anforderungen an Wohnraum und Wohnformen. Ein funktionierender Wohnungsmarkt müsse deshalb verschiedene Anforderungen miteinander verbinden: Es braucht genügend zusätzlichen Wohnraum, dieser muss für unterschiedliche Haushalte finanziell tragbar sein, der bestehende Wohnraum sollte möglichst bedürfnisgerecht genutzt werden können und die zusätzliche Wohnraumentwicklung muss mit einer qualitativ guten und haushälterischen Siedlungsentwicklung vereinbar sein.

Der Regierungsrat habe in seiner Stellungnahme zum Postulat 25.133 zudem angekündigt, zu prüfen, ob und wie das Thema Wohnen im Projekt «Wachstum Aargau 2050» bearbeitet werden kann, schreiben die Interpellierenden weiter. Vor diesem Hintergrund sei nvon Interesse, wie der Regierungsrat die aktuelle Situation und die weitere Entwicklung beurteilt und auf welcher Datengrundlage die Bezahlbarkeit des Wohnens im Kanton künftig beobachtet werden kann.

Die Interpellierenden bitten den Regierungsrat daher um Beantwortung folgender Fragen:

1. Wie haben sich im Kanton Aargau in den vergangenen zehn Jahren die Angebotsmieten und – soweit Daten verfügbar – die Bestandsmieten entwickelt? Welche regionalen Unterschiede bestehen dabei?

2. Wie hat sich die Wohnkostenbelastung der Aargauer Haushalte in den vergangenen zehn Jahren entwickelt, insbesondere der Anteil der Wohnkosten am verfügbaren Haushaltseinkommen? Welche Unterschiede bestehen nach Einkommensgruppen, Haushaltstypen und – soweit Daten vorhanden – Regionen?

3. Wie hat sich die finanzielle Zugänglichkeit von selbstgenutztem Wohneigentum für Haushalte mit tiefen und mittleren Einkommen in den vergangenen zehn Jahren entwickelt, insbesondere im Verhältnis von Haushaltseinkommen, Immobilienpreisen sowie den Anforderungen an Eigenmittel und Tragbarkeit?

4. Wie haben sich Wohnungsbestand, Wohnungsproduktion, Leerstand und Wohnflächenverbrauch pro Person in den vergangenen zehn Jahren entwickelt? In welchen Bezirken beziehungsweise Regionen bestehen heute besonders angespannte Wohnungsmärkte?

5. Welche Daten liegen über den heutigen Bestand und die Entwicklung von preisgünstigem und gemeinnützigem Wohnraum im Kanton Aargau vor? Falls keine ausreichenden Daten vorhanden sind: Welche Informationslücken bestehen und wie beurteilt der Regierungsrat diese Datengrundlage?

6. Welche Erkenntnisse liegen darüber vor, in welchem Umfang Unterschiede zwischen Bestandsund Angebotsmieten sowie das verfügbare Angebot an kleineren beziehungsweise altersgerechten Wohnungen Wohnungswechsel erschweren und dadurch eine bedürfnisgerechtere Nutzung des bestehenden Wohnraums behindern?

7. Welche Erkenntnisse liegen dem Regierungsrat darüber vor, welche wohnpolitischen Instrumente die Gemeinden heute tatsächlich einsetzen und wie verbreitet diese sind? Welche Erfahrungen sind dem Regierungsrat mit diesen Instrumenten bekannt?

8. Von welcher Entwicklung des Wohnungsbedarfs, des Wohnungsangebots und der Bezahlbarkeit geht der Regierungsrat angesichts der aktuellen Bevölkerungsprojektionen bis 2035 aus, und auf welche Annahmen beziehungsweise Datengrundlagen stützt er diese Einschätzung?

9. Wie wird die Entwicklung des Wohnens und seiner Bezahlbarkeit im Projekt «Wachstum Aargau 2050» berücksichtigt? Welche Aspekte des Wohnungsangebots, der Wohnkosten und der Bezahlbarkeit sollen dabei konkret untersucht beziehungsweise berücksichtigt werden?