Was wird im Aargau aus dem Frühfranzösisch? - Vor heisser Parlamentsdebatte
In der letzten Grossratssitzung vor den Sommerferien werden morgen Dienstag bergeweise Interpellationen abgetragen. Doch aus einem ganz anderen Grund werden auch ausserkantonale Medien gespannt nach Aarau in den Grossratssaal blicken. Es geht im heissesten Geschäft des Tages um eine Motion der SVP-Fraktion (Sprecherin Stefanie Köpfli, Arni). Darin verlangt die Fraktion die Verschiebung der zweiten Fremdsprache auf einen späteren Zeitpunkt. Die Regierung beantragt, die Motion in ein unverbindlicheres Postulat umzuwandeln.
Bekanntlich mischt sich Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider aus Sorge um die Französischkompetenz in der Deutschschweiz bzw. um den Zusammenhalt über die Sprachgrenze hinweg schon seit längerem in die Debatte ein und würde den für die Bildung zuständigen Kantonen diesbezüglich gern Vorschriften machen.

Worum geht es in der Motion? Die SVP-Fraktion will den Regierungsrat konkret beauftragen, die notwendigen gesetzlichen Grundlagen anzupassen, damit die zweite Fremdsprache erst ab einem späteren Zeitpunkt unterrichtet wird. Begründung: Der heute früh einsetzende Unterricht der zweiten Fremdsprache in der Primarstufe (5. Klasse) habe in den vergangenen Jahren nicht die gewünschten Resultate erbracht. Mehrere wissenschaftliche Studien belegten zudem, dass ältere Schülerinnen und Schüler im schulischen Kontext Fremdsprachen effizienter lernen und Lernziele nachhaltiger erreichen als jüngere.
Ein Drittel bis zur Hälfte erreicht die Lernziele nicht
Die Praxis zeige: Ein Drittel, bis die Hälfte der Schülerinnen und Schüler erreichen die Lernziele gerade im Fach Französisch nicht, welches heute in der 5. Klasse als zweite Fremdsprache beginnt bis Ende der Primarstufe. Dies führe zu Frustration bei den Kindern, Mehrbelastung für die Lehrpersonen und Eltern sowie einer markant ineffizienten Nutzung der Unterrichtszeit. Parallel dazu haben nationale Vergleichsstudien (z.B. PISA, Check-Tests) gezeigt, dass das Niveau der Deutschkompetenz der Schülerinnen und Schüler in den letzten Jahren besorgniserregend gesunken ist. Immer mehr Jugendliche verlassen die obligatorische Schule mit ungenügenden Fähigkeiten im Lesen und Schreiben.
Fazit der SVP-Fraktion: "Der Kanton Aargau soll die zweite Fremdsprache verschieben. Dies verbessert die Effizienz des Sprachunterrichts und verbessert andere Kompetenzen unserer Schülerinnen und Schüler – eine zentrale Voraussetzung für ihren schulischen und beruflichen Erfolg."
Regierung sieht Handlungsbedarf im Spracherwerb
Die standardisierten Leistungserhebungen wie die nationale Überprüfung des Erreichens der Grundkompetenzen (ÜGK) oder die vierkantonalen Leistungstests "Checks" haben gezeigt, dass viele Aargauer Schülerinnen und Schüler sowohl in der Unterrichtssprache Deutsch als auch im Französisch unzureichende Resultate erbringen und die Grundkompetenzen nicht erreichen. Dies antwortet die Regierung auf den Vorstoss, der heute Nachmittag im Grossen Rat behandelt wird.
Zudem hat der Anteil an fremdsprachigen Schülerinnen und Schülern in der Aargauer Volksschule in den letzten zehn Jahren weiter zugenommen und liegt aktuell durchschnittlich über alle Schulstufen hinweg bei knapp 40 %. Der Regierungsrat anerkenne, heisst es weiter, dass im Bereich des Sprachenerwerbs Handlungsbedarf besteht und wirksame Massnahmen erforderlich sind. Es sei ihm ein Anliegen, die Aargauer Schülerinnen und Schüler in den Deutschkompetenzen zu stärken sowie den Fremdsprachenunterricht so auszugestalten, dass die Schülerinnen und Schüler die gesetzten Ziele erreichen.
Unterricht soll zum richtigen Zeitpunkt beginnen
Der Regierungsrat ist der Ansicht, dass gefestigte Kompetenzen in der deutschen Sprache die Grundlage für das schulische Lernen bilden. Nur wer die Unterrichtssprache sicher beherrscht, kann Wissen aufbauen und Zusammenhänge verstehen. Er ist weiter überzeugt davon, dass Kompetenzen in der Landessprache Französisch und in Englisch für die weitere schulische und berufliche Laufbahn wichtig sind. In der Umsetzung sei entscheidend, dass der Unterricht zum richtigen Zeitpunkt beginnt und qualitativ hochwertig gestaltet ist. Ein sehr früher Fremdsprachenbeginn führe nach heutigem Wissensstand nicht automatisch zu besseren Lernergebnissen.
Zusammenfassend hält die Regierung fest, dass in der Aargauer Volksschule in den frühen Jahren der systematische Aufbau der Unterrichtssprache Deutsch im Zentrum steht. Bei fremdsprachigen Schülerinnen und Schülern sei es von entscheidender Bedeutung, dass sie so schnell wie möglich der deutschen Sprache mächtig werden, unabhängig vom Alter und vom Eintritt in die jeweilige Schulstufe.
So will die Regierung vorgehen
Das Department Bildung, Kultur und Sport (BKS) von Regierungsrätin Martina Bircher erarbeitet ein Strategiepaket Sprachen in der Volksschule Aargau. Dieses besteht aus drei Strategien samt dazugehörigen kurz-, mittel- und langfristigen Massnahmen. Die drei Strategien sind:
• Deutschförderung und schulische Integration fremdsprachiger Schülerinnen und Schüler – kurz: Integrationsstrategie
• Stärkung der Deutschkompetenzen aller Schülerinnen und Schüler – kurz: Deutschkompetenzstrategie
• Fremdsprachen (Englisch, Französisch) – kurz: Fremdsprachenstrategie
Das Strategiepaket legt den Fokus auf den soliden und frühen Aufbau der Kompetenzen in der Unterrichtssprache Deutsch. Darauf aufbauend soll ein komprimierter und effektiver Fremdsprachenunterricht folgen.
Wirksamen Fremdsprachenunterricht gewährleisten
Im Rahmen der Fremdsprachenstrategie werden Anpassungen im Fremdsprachenunterricht hinsichtlich Startzeitpunkt und Flexibilisierung erarbeitet, so der Regierungsrat weiter, der beabsichtigt, diese Anpassungen wissenschaftlich begleiten und evaluieren zu lassen. Weiter soll die Fremdsprachenstrategie die Stärkung der Sprachkompetenzen der Schülerinnen und Schüler durch Sprach- und Kulturaustausch verfolgen. Ebenfalls angedacht sind Massnahmen, um einen qualitativ hochstehenden und wirksamen Fremdsprachenunterricht zu gewährleisten.
In diesem Sinne lehnt die Regierung die Motion ab, ist aber bereit, sie als Postulat entgegenzunehmen.
Das sagt der Fachverband Bildung Aargau
Der Fachverband Bildung Aargau begrüsst laut einer Mitteilung die anstehende Debatte um Frühfranzösisch im Kanton Aargau. Eine Umfrage unter den Mitgliedern habe ergeben, dass die Mehrheit zwei Fremdsprachen auf Stufe Primarschule kritisch sehe.
«Wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, dass Sprachen lernen im frühen Kindesalter einfacher geht als zu einem späteren Zeitpunkt. Leider reicht die Lektionendotation für ein Sprachbad nicht. Auch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für gelingendes Lernen einer zweiten Fremdsprache in der Primarschule sind im Kanton Aargau nicht gegeben», wird Colette Basler zitiert, Präsidentin Bildung Aargau.
Bildung Aargau hat aber offene Fragen zur konkreten Umsetzung, wenn die zweite Fremdsprache allenfalls in den Zyklus 3 (Oberstufe) verschoben wird. So sei klar, dass dort die Zahl an Fremdsprachenlektionen erhöht werden muss. Ausserdem benötigte diese Verschiebung angepasste Lehrmittel und eine angepasste Ausbildung an der Pädagogischen Hochschule (PH). All diese Massnahmen verursachten Kosten.
Wo wird dann in der Oberstufe reduziert?
Weiter beschäftige die Mitglieder von Bildung Aargau, welche Lektionen in der Oberstufe zugunsten einer zweiten Fremdsprache reduziert würden. Welches Fach müsste Federn lassen?
Bildung Aargau erwartet, dass die Regierung solche Fragen unter Einbezug der Direktbetroffenen rasch klärt. Es dürfe nicht sein, dass die Volksschule mit einer weiteren Grossbaustelle belastet werde. Auch dürfe eine derart grosse Reform nicht einfach den Gemeinden bzw. «Schulen vor Ort» aufgebürdet werden. Der Kanton müsse begleiten und seine Expertise einbringen.
26.117) Gesundheitsgesetz (GesG); Änderung; Bericht und Entwurf zur 1. Beratung (Referent GSW: Andre Rotzetter, Buchs) a) Eintreten b) Detailberatung und Beschlussfassung
(26.118) Umsetzung TAXOPTIMA (Leitsätze 18–20 der Steuerstrategie); Steuergesetz (StG); Änderung; Bericht und Entwurf zur 1. Beratung (Referent VWA: Andy Steinacher, Schupfart) a) Eintreten b) Detailberatung und Beschlussfassung
25.343) Motion Dr. Adrian Schoop, FDP, Baden (Sprecher), Roland Haldimann, EDU, Oberentfelden, Daniele Mezzi, Mitte, Laufenburg, Dr. Nicole Burger, SVP, Aarau, vom 18. November 2025 betreffend Schutz von Mädchen vor religiösem Zwang (Umwandlung in ein Postulat)
Standesinitiative für Ausbau der A1 und der Eisenbahn im Aargau
Bericht und Antrag der Kommission für Umwelt, Bau, Verkehr, Energie und Raumordnung (UBV) vom 4. Mai 2026 betreffend Standesinitiative zum Ausbau der A1 und Standesinitiative zum Ausbau der nationalen Ost-West-Achse der Bahn (Referent UBV: Thomas Baumann, Suhr) a) Eintreten b) Detailberatung und Beschlussfassung
