Integrative Schule im Aargau: "Anspruch und Realität klaffen auseinander"

Integrative Schule im Aargau: "Anspruch und Realität klaffen auseinander"
Im Bild ein Schulhaus in Erlinsbach (AG). Foto: MKU

Die neue Studie «Inklusionsorientierte Schule zwischen Anspruch und Realität» bestätige, was Lehrpersonen im Aargau seit Langem beklagen: Die Rahmenbedingungen für die integrative Schule genügen den Anforderungen des Schulalltags nicht. Bildung Aargau fordert von der kantonalen Politik und der Verwaltung den Ausbau der personellen, zeitlichen und finanziellen Ressourcen. Dies teilt der Verband Bildung Aargau mit.

Hintergrund der Studie

Der Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH) hat das Forschungsinstitut gfs.bern mit einer breit angelegten Mitgliederbefragung beauftragt, um die Debatte um die integrative Schule empirisch zu versachlichen. Im März 2026 beteiligten sich 10'394 LCH-Aktivmitglieder der Zyklen 1 bis 3 aus der Deutschschweiz. Die Studie beleuchtet Haltungen, Erfahrungen und Unterstützungsbedarf der Lehrpersonen.

Aargau besonders betroffen

Im Aargau ist die Situation besonders angespannt. Mit durchschnittlich 13,5 Schüler:innen mit attestierter Diagnose pro Lehrperson liegt der Kanton deutlich über dem Gesamtmittel. Noch gravierender falle die Bewertung der Unterstützung aus: 69 Prozent der befragten Aargauer Lehrpersonen beurteilen die vorhandene Unterstützung als nicht ausreichend – damit gehöre der Aargau zu den kritischsten Kantonen überhaupt. In der kantonalen Gegenüberstellung positioniert sich der Aargau im untersten Bereich: Sowohl die engen Ressourcen – finanzielle, personelle und zeitliche Mittel – als auch die breitere Unterstützung durch schulinterne Strukturen und Schulleitung werden am schwächsten wahrgenommen. Die Darstellung weist zudem auf ein deutlich belastetes Erleben der inklusionsorientierten Schule hin.

Für Daniel Hotz, Geschäftsführer von Bildung Aargau, ist vor diesem Hintergrund völlig unverständlich, weshalb der Kanton zum Start des neuen Schuljahrs die Härtefall-Ressourcen auf nur noch sechs Lektionen pro Schulkind und Woche eingeschränkt hat: «225 Schulkinder mit ausgewiesenem Sonderschulbedarf haben keinen Platz in einer Sonderschule oder in einer Förderklasse plus erhalten und werden in der Regelklasse unterrichtet. Dass nun für diese weniger Härtefall-Ressourcen zur Verfügung stehen, bereitet mir grosse Sorgen. Leidtragende sind die betroffenen Schulkinder und Lehrpersonen».

Lehrpersonen tragen die Idee mit – unter Bedingungen

Die Studie zeigt eine gespaltene, aber nicht ablehnende Haltung: Eine knappe Mehrheit der Befragten steht der inklusionsorientierten Schule positiv gegenüber, betont jedoch, dass Akzeptanz nur dort entsteht, wo Inklusion mit ausreichenden Ressourcen und sichtbaren Lernerfolgen verbunden ist. Mehr als 80 Prozent der Befragten geben an, dass die Entwicklung hin zur inklusionsorientierten Schule ihre Arbeitsbelastung erhöht habe.

Forderungen von Bildung Aargau

Daniel Hotz, Geschäftsführer von Bildung Aargau, hält in der Mitteilung fest: «Die pädagogische Idee der integrativen Schule ist tragfähig – die aktuellen Rahmenbedingungen im Aargau sind es nicht.» 

 Bildung Aargau fordert vom Kanton:

·        Ausbau der personellen Ressourcen: Mehr schulische Heilpädagog:innen, IF-Lehrpersonen und Klassenassistenz, insbesondere in Fächern ausserhalb von Deutsch und Mathematik.

·        Mehr Zeit für Planung, Kooperation und Weiterbildung.

·        Kleinere Klassen als zentrale Voraussetzung für das Gelingen.

·        Beschleunigung von Unterstützungsverfahren: Die Zeitspanne zwischen Anträgen und deren Umsetzung wird mehrheitlich als zu lang wahrgenommen.

Bildung Aargau appelliert laut Mitteilung "an die kantonale Politik und die Verwaltung, die Weichen für eine tragfähige, wirksame und zumutbare Umsetzung der integrativen Schule zu stellen".