"Ich wäre gern die gute Fee" - Debatte im Grossen Rat über ein Fachhochschulangebot in Pflege und Physiotherapie?
Nun wechselt der Rat zum Bildungsdepartement. Es geht um die Berichterstattung zur Prüfung eines Fachhochschulangebots in Pflege und Physiotherapie im Kanton Aargau zur Erfüllung des Postulats Miro Barp, SVP, Brugg (Sprecher), Clemens Hochreuter, SVP, Erlinsbach, Dr. Titus Meier, FDP, Brugg, Markus Lang, GLP, Brugg, Jürg Baur, Mitte, Brugg betreffend Schaffung von Bachelor- und Masterstudiengängen der Pflegewissenschaften an der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW).
Dazu spricht Kommissionspräsident Markus Lang (GLP). Zu Beginn der Eintretensdebatte sei in der grossrätlichen Kommission BKS grundsätzlich anerkannt worden, dass der Fachkräftemangel im Gesundheitswesen – insbesondere in der Pflege und in der Physiotherapie – eine zentrale Herausforderung darstelle, so Lang. Mehrere Voten betonten die Bedeutung einer nachhaltigen Ausbildungspolitik sowie einer effizienten Nutzung der finanziellen Mittel des Kantons.
Eine erste Position unterstützte klar den Vorschlag des Regierungsrats, auf die Förderung von Praktikumsplätzen (Option 2) zu setzen. Der Bericht lege nachvollziehbar dar, dass kein Angebots-, sondern ein Nachfrageproblem bestehe. Ausbildungsplätze seien grundsätzlich vorhanden, jedoch fehle es an genügend Studierenden. Aus dieser Sicht wäre der Aufbau eines eigenen Fachhochschulangebots mit hohen Investitions- und Betriebskosten verbunden gewesen, ohne dass ein ausreichender Nutzen garantiert gewesen wäre. Zudem hätte ein solches Angebot ein erhebliches finanzielles Risiko für den Kanton bedeutet, da andere Trägerkantone kein Interesse an einem Ausbau signalisiert hätten. Die Priorität müsse deshalb auf einer praxisnahen Ausbildung liegen. Insbesondere ausreichend vorhandene und qualitativ gute Praktikumsplätze würden entscheidend dazu beitragen, Fachkräfte auszubilden und im Kanton zu halten.
Diese Position wurde von mehreren Fraktionen vertreten. Sie betonten zusätzlich die Bedeutung der bestehenden Berufsbildung und warnten davor, dass eine stärkere Akademisierung die bewährten dualen Ausbildungswege schwächen könnte. Gleichzeitig wurde darauf hingewiesen, dass der Anteil ausländischer Fachkräfte in den betreffenden Berufen hoch sei. Durch mehr Praktikumsplätze im Kanton könnten junge Menschen aus der Region besser für diese Berufe gewonnen werden, was langfristig zu einer stärkeren Nutzung des inländischen Fachkräftepotenzials beitragen würde. Insgesamt wurde daher der Bericht zur Kenntnis genommen und die Abschreibung des Postulats unterstützt.
Eine zweite Position verfolgte einen strategisch stärker auf Ausbau ausgerichteten Ansatz. Diese Stimmen argumentierten, der Kanton müsse langfristig seine Rolle als Hochschulstandort stärken und innovativer auftreten. Auch wenn derzeit möglicherweise zu wenige Studierende vorhanden seien, könne es sinnvoll sein, bewusst zu investieren und damit neue Perspektiven zu schaffen. Ein eigenes Angebot könne die Attraktivität des Kantons erhöhen und langfristig auch wirtschaftliche Vorteile bringen. Vertreter dieser Sichtweise hätten deshalb eher eine der Optionen favorisiert, die den Aufbau eines eigenen Studienangebots vorsahen. Gleichzeitig wurde jedoch anerkannt, dass eine solche Lösung politisch und finanziell schwierig durchsetzbar sei.
Eine weitere Wortmeldung unterstützte grundsätzlich den Bericht, kritisierte jedoch, dass dieser zu wenig visionär sei. Aus dieser Perspektive wurde infrage gestellt, ob tatsächlich ein Nachfrageproblem bestehe. Zwar hätten die Zahlen eine begrenzte Anzahl potenzieller Studierender gezeigt, gleichzeitig bestehe jedoch ein erheblicher Bedarf seitens der Gesundheitsinstitutionen. Daher wurde angeregt, genauer zu analysieren, weshalb sich potenzielle Studierende nicht für entsprechende Studiengänge entschieden. Auch wurde darauf hin-gewiesen, dass hochqualifizierte Pflegefachpersonen mit erweiterten Kompetenzen langfristig zur Entlastung des Gesundheitssystems beitragen könnten. Dennoch wurde pragmatisch anerkannt, dass ein neues Fachhochschulangebot unter den aktuellen Voraussetzungen wohl schwer umzusetzen gewesen wäre. Deshalb wurde zumindest die Förderung der Praktikumsplätze als notwendiger Schritt unterstützt.
Ein weiterer Beitrag wies darauf hin, dass Pflege und Physiotherapie im Bericht teilweise vermischt würden, obwohl sich ihre Ausbildungssysteme unter-scheiden würden. Während im Pflegebereich auch nicht-akademische Ausbildungswege existierten, erfolge die Ausbildung in der Physiotherapie vollständig auf Fachhochschulniveau. Zudem wurde hervorgehoben, dass ein grosser Teil der Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten aus dem Ausland stamme. Dies sei langfristig problematisch. Gleichzeitig wurde skeptisch gefragt, ob sich das Problem der fehlenden Praktikumsplätze tatsächlich lösen lasse, da viele Praxen selbstständig organisiert seien und die Anforderungen für Ausbildungs-plätze oft nicht erfüllten.
Auch innerhalb einzelner Fraktionen wurde deutlich, dass unterschiedliche Meinungen bestanden. Während die Mehrheit den Vorschlag des Regierungsrats unterstützte, gab es einzelne Stimmen, die weiterhin den Aufbau eines eigenen Studienangebots befürworteten.
Schliesslich wurde noch kritisch angemerkt, dass die Abschreibung des Postulats möglicherweise verfrüht sei. Der Bericht habe zwar mögliche Massnahmen aufgezeigt, doch die Umsetzung stehe erst noch bevor. Dennoch wurde all-gemein anerkannt, dass der Bericht eine solide Grundlage für weitere Schritte in der Gesundheitspolitik darstelle.
Detailberatung / Anträge
Ich fasse die Detailberatung einleitend zusammen: Diese konzentrierte sich vor allem auf die Nachfrage nach Studienplätzen, zum Angebot an Praktikums-plätzen sowie zur Umsetzung der vorgeschlagenen Massnahmen.
Zu Beginn wurde nach zusätzlichen Informationen zum Potenzial zukünftiger Studierender gefragt, die dahingehend beantwortet wurden, dass die Zahlen im Kanton relativ klein seien und für ein wirtschaftlich tragfähiges Angebot nicht genügten.
Vertiefte Gespräche mit der Fachhochschule über die mögliche Entwicklung eines neuen Studienangebots hätten bisher nicht sattgefunden, da zunächst eine grundsätzliche Einschätzung der Machbarkeit im Vordergrund gestanden habe. Gleichzeitig wurde darauf hingewiesen, dass bestehende Fachhoch-schulen im Zuge der Pflegeinitiative zusätzliche Mittel erhalten hätten, um ihre Angebote auszubauen und mehr Studierende zu gewinnen.
Ein weiterer Schwerpunkt der Diskussion betraf den Mangel an Praktikums-plätzen, insbesondere in der Physiotherapie.
Auch Fragen zur Umsetzung der Pflegeinitiative wurden angesprochen. Dabei wurde diskutiert, ob Massnahmen wie reduzierte Studiengebühren bereits Auswirkungen auf die Zahl der Studierenden gezeigt hätten. Konkrete Zahlen lagen noch nicht vor, es habe jedoch Hinweise gegeben, dass sich die Entwicklung stabilisiert habe.
Im weiteren Verlauf wurde die finanzielle Unterstützung für Praktikumsplätze thematisiert. Dabei wurde darauf hingewiesen, dass kleinere Praxen ohne Unterstützung kaum Ausbildungsplätze hätten anbieten können. Ziel sei daher gewesen, gemeinsam mit den betroffenen Akteuren Lösungen zu entwickeln, die eine ausreichende Zahl an Praktikumsplätzen ermöglichten.
Zum Abschluss wurde festgehalten, dass der Bericht den Prüfauftrag des Postulats 23.58 erfüllt habe und eine Grundlage für weitere Massnahmen bilde. Die Kommission nahm den Bericht stillschweigend zur Kenntnis. Das Postulat wurde anschliessend mit 10 zu 5 Stimmen als erledigt abgeschrieben, wobei das Quorum für den Minderheitsantrag auf Nichtabschreibung zustande kam.
Martina Bircher: "Ich wäre gern die gute Fee"
In der kontroversen Ratsdebatte zeigt sich, dass der Aargau aufgrund der demografischen Entwicklung einen künftigen hohen Bedarf an zusätzlichen Pflegefachkräften hat. Die Frage ist, ob er ausreichend vorbereitet ist oder nicht. Verschiedentlich wird der Aargau als mutlos kritisiert.
Es gebe in der Schweiz kein Angebots-, sondern ein Nachfrageproblem, sagt Bildungsdirektorin Martina Bircher: "Ich wäre gern die gute Fee, ich bin aber Regierungsrätin und als solche verpflichtet, realistisch zu sein." Der Regierungsrat sehe, dass es einen Fachkräftemangel gibt, den löse man aber nicht mit noch mehr Studienangeboten, helfen könnten mehr Praktikumsplätze.
Der Rat nimmt den Bericht zur Kenntnis und schreibt das Postulat, das diesen Bericht ausgelöst hat, mit 112 : 13 Stimmen ab.
Das Geschäft ist damit erledigt.