Grosser Rat läutet das Aus für Frühfranzösisch im Aargau ein

Grosser Rat läutet das Aus für Frühfranzösisch im Aargau ein

Nach der langen Debatte über TAXOPTIMA nähert sich die Debatte über eine Motion der SVP-Fraktion mit dem Ziel, das Frühfranzösisch in der Schule abzuschaffen. Stefanie Köpfli (Arni) begründet jetzt im Rat namens der Fraktion den Vorstoss. Die Motion verlange, eine der beiden Fremdsprachen auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben. Die Motion sage nicht, welche Fremdsprache es sein soll, auch gehe es nicht um eine Streichung, sondern um eine Verschiebung.

Man sehe jedoch, dass hier ein Drittel bis zur Hälfte der Kinder die Lernziele nicht erreichen. Das führe zu Frustration. Ab der 3. Klasse lerne man Englisch, ab der 5. Klasse auch noch Französisch. Das führe nicht zu einem Sprachenbad, sondern eher zu einem Sprachensalat. Immer mehr Schülerinnen und Schüler verlassen die Schule mir ungenügenden Kompetenzen in Lesen und Schreiben, so Köpfli. Die SVP hält an der Motion fest.

Das sagen die Fraktionen

Die Mitte sieht das Anliegen als berechtigt, sagt Jürg Baur. Es gebe Anlass zur Sorge. Der Regierungsrat überprüfe die Sprachschulung derzeit ohnehin. Es wäre sinnvoll, diesen Prozesse mit einer Motion vorwegzunehmen. Diesen Strategieprozess soll man nicht mit einer Motion einengen.

Annetta Schuppisser (GLP) sagt nun, man stimme der Motion zu. Das sei keine Abkehr vom Französischen, Französisch gehöre unbestritten weiterhin dazu. Es gehe nicht um ob sondern wann und wie Französisch unterrichtet werden soll. Zwei Fremdsprachen in der Primarschule überforderten viele Kinder, sagt Schuppisser weiter. Erst gelte es, erst Deutsch zu festigen, Französisch erst ab der Oberstufe. Die GLP unterstützt die Motion. Jetzt brauche es einen klaren Entscheid statt einen weiteren Prüfschritt.

Lutz Fischer beginnt nun namens der EVP in Französisch. Aus EVP-Sicht wäre es verfehlt, Deutsch und Französisch gegeneinander auszuspielen, sagt er. Der Schulunterricht sei zu kopflastig, auch wegen des vielen Sprachunterrichts. Von mehr Deutschunterricht verspricht sich die EVP aber keine Besserung beim Deutsch. Französisch sei aber eine Landessprache, da lerne man auch die welche Kultur kennen, gibt er zu bedenken. Das Französische sei zu stärken. Es sei beschämend, dass man mit welchen mehr und mehr Englisch spreche, weil man zu wenig Französisch kann. Die EVP lehnt den Vorstoss ab

Titus Meier (FDP) sagt nun, dass viele Aargauer Schüler in Deutsch und Französisch nicht einmal die Grundkompetenzen erreichen., Wenn 40 Prozent der Schüler fremdsprachig sind, sei es an der Zeit, den Unterricht zu revidieren. Natürlich gehören Französisch zur Schweiz, das bleibe auch nach der Verschiebung des Startzeitpunkts so. Es brauche aber einen besseren Unterricht. In den letzten Jahren seien auf Bundesebene Entscheidungen gefallen, die Französisch auf der Sekundarstufe abwerten, so Meier. Die FDP unterstützt die Motion.

Julia Rahel Grieder (Grüne) verweist als schulische Heilpädagogin auf die hohe Aufnahmefähigkeit von Zehnjährigen. Den Unterricht habe man mit den Jahren anpassen müssen. Die aktuelle Fremdsprachendidaktik an unseren Schulen unterscheidet sich ihres Erachtens nicht gross von denjenigen der Migros-Klubschule. Die Grünen lehnen die Motion - auch als Postulat - mehrheitlich ab, so Grieder.

Nun spricht Colette Basler für die SP. Ihre Fraktion werde Motion und Postulat grossmehrheitlich ablehnen, sagt sie. Die Herausforderungen seien jedoch anerkannt. Das Frühfranzösisch müsse man tatsächlich überdenken. Ein sehr frühes Frühfranzösisch führe nicht automatisch zu besseren Lernergebnissen, sagt Basler, die auch den Fachverband Bildung Aargau präsidiert. Es gebe beim Schulaustritt keine signifikanten Unterschiede zwischen Schülerinnen und Schülern, die früh oder erst später Französisch lernen. Fü^r einen späteren Fremdsprachenunterricht brauche es genügend Lehrmittel, gut ausgebildete Lehrkräfte und anderes mehr. Es brauche komplett neue Lehrmittel für die Oberstufe, neue Stundenpläne, mehr Deutsch- und weniger Französisch-Lehrpersonen, so Basler weiter. Die Sprachenstrategie der Regierung mache die Motion obsolet. Es sei aber auch nicht sinnvoll, den Bund zu übersteuern.

Das sagt Bildungsdirektorin Martina Bircher

Nun spricht als letzte Bildungsdirektorin Martina Bircher. Sie verweist auf die Überprüfung der Grundkompetenzen in Deutsch und Französisch. Sie trägt alarmierende Zahlen vor. In Französisch seien die Resultate so schlecht, dass beispielsweise in der Realschule nach der Volksschule lediglich 7 Prozent die Grundkompetenzen in Französisch erreichen. In der Sekundarstufe sei es ein Drittel, in der Bezirksschule etwa die Hälfte. Auch in Deutsch seien die Resultate besorgniserregend. Nur jeder zweite Realschüler erfülle hier nach neun Jahren die Grundkompetenzen.

Ein Sprachenbad funktioniere bei einer Zweitsprache. Für viele ausländische Kinder mit einer anderen Muttersprache sei Deutsch die Zweitsprache. Man sage ja, je früher desto besser. Heute werde dreimal 45 Minuten Französisch unterrichtet, ansonsten kämen die Kinder heute kaum in Kontakt mit den Fremdsprachen. Ziel sei, nach Ende der Volksschule die Grundkompetenzen zu erreichen, keinesfalls zu schwächen, sondern zu stärken.

Das ist der Weg des Regierungsrats

Bircher verweist jetzt auf das Sprachen-Strategiepaket der Regierung, enthaltend eine Integrations- und Deutschkompetenzstrategie für alle (Bircher verdeutlicht, man führe die Diskussion nicht wegen der fremdsprachigen Kinder: "Auch Schweizer Kinder haben immer mehr Mühe mit Deutsch."), und die Verschiebung des Fremdsprachenunterrichts, dafür solle er intensiver sein. Der Regierungsrat möchte den Vorstoss als Postulat entgegennehmen.

Nun ist der Rat abstimmungsreif und entscheidet mit 84 Ja : 51 Nein für den Vorstoss in der verbindlichen Form als Motion. Damit hat die Regierung den Auftrag, die Motion umzusetzen und damit den Abschied vom Frühfranzösisch einzuleiten.